Wo der Asphalt endet

KM 7184 | Jede Stadt in den ehemaligen Sowjetstaaten hat an seiner Grenze einen dreidimensionalen Schriftzug mit dem Städtenamen. Eingearbeitet sind oftmals Symbole wie Hammer und Sichel, aber auch Getreidehalme oder Bergarbeiter. In Meschduretschensk steht ein Schild, das von der Größe alles bisher gesehene übertrifft. Meschduretschensk wurde erst 1955 auf einem trockengelegten Sumpfgebiet gegründet, da es hier große Kohle-, Mangan-, und Goldvorkommen gibt. Quasi die ganze Stadt ist direkt oder indirekt von davon abhängig.

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In Meschduretschensk decke ich mich für meinen Streckenabschnitt durch die Berge bis nach Askis nochmal mit Lebenmitteln ein: Nüsse, Schokolade, Kekse. Alles was wenig wiegt und viel Kalorien hat. Wasser kann ich unterwegs aus den Gebirgsbächen holen, zur Sicherheit habe ich Wasserentkeimungstabletten dabei.

Letztes Dorf mit asphaltierter Straße ist Mayzas. Hier gibt es eine Pontonbrücke über den Fluss Tom. Jedes Jahr zur Schneeschmelze wird die Brücke für einige Zeit entfernt, da sie sonst weggespült würde. Das Dorf ist dann in dieser Zeit quasi von der Außenwelt abgeschnitten.

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Dieses Haus war früher ein Wachturm, da in Mayzas Strafgefangene lebten und arbeiteten.

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Die ersten 80 Kilometer gibt es eine recht gut befahrbahre Schotterpiste. Alexei und Vladimir haben ein Problem mit einem Rad, das Kugellager und viele andere Teile liegen auf der Straße. Sie nehmen es aber gelassen und warten auf einen Kumpel, der ihnen Ersatzteile bringt.

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Am zweiten Tag fahre ich 50 Kilometer auf der bisher schlechtesten Straße während meiner Tour. Von Matschpisten, groben Steinen, Sand und knietiefen Furten ist alles dabei.

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DSC00726Zum Glück ist es ein heißer Tag. Ich kann Sandalen tragen und die Füße hinterher wieder in der Sonne aufwärmen. Normale Schuhe würde ich nicht mehr sauber und trocken kriegen. Fahrzeuge kommen mir auf der Strecke kaum mehr entgegen. Auf 1000 Metern Höhe wird die Anstrengung aber mit einem grandiosen Blick auf die unendlich wirkenden Wälder belohnt. Die Weite der Landschaft muss man mit den Augen gesehen haben, die Fotos können das nur teilweise rüberbringen.

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Zum ersten mal fahre ich auch durch Bärengebiet. Obwohl die Chance, einen Bären zu treffen ziemlich gering ist, bin ich am Anfang recht angespannt. Ein Angler zeigt mir auch noch ein Foto auf seinem Handy von einem Bären, das er ein paar Tage zuvor aus seinem Auto heraus gemacht hat.

Deshalb befolge ich immer ein paar Grundregeln, um ein Treffen mit einem Bären zu vermeiden: Mit meiner Fahrradklingel mache ich in regelmäßigen Abständen auf mich aufmerksam und gebe den Bären so die Chance, mir frühzeitig aus dem Weg zu gehen. Nachts lagere ich alle Lebensmittel ein paar hundert Meter von meinem Zelt entfernt, da Bären ausgezeichnet riechen und neugierig sind. Einmal übernachte ich an einem Flussbett, wo ich ein Feuer machen kann. Ich lasse es über Nacht brennen, was mir neben meinem Pfefferspray nochmals ein zusätzliches Gefühl von Sicherheit gibt.

Ich erreiche die Republik Chakassien und die Straße wird immer besser. Auf dem feinen Schotter lässt es sich recht gut fahren. Außer ein paar Vögeln und dem Rauschen der Bäche gibt es keinerlei Geräusche.

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Verwirrend ist für mich, dass die Ortsamen oft nicht mit der Karte übereinstimmen oder anders geschrieben werden. Die wenigen Dörfer wirken auf mich sehr friedlich und ich fühle mich 50 Jahre zurückversetzt.

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Diese Zwei bereiten gerade ihren Traktor zum mähen vor. Sie schenken mir einen halben Liter noch warme Milch. Eiskaltes Wasser kann ich mir aus dem Brunnen mit einer Pumpe holen.

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Die Bergarbeitersiedlung Werschina Tjoi hat 3500 Einwohner und ist ziemlich abgeschnitten vom Rest der Welt. Auf der Einzigen Straße dorthin kommt mir nur alle viertel Stunde ein Auto entgegen. Dementsprechend kann man sich ausrechnen, wie oft die Einwohner ihre Stadt verlassen.

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Bemerkenswert ist die Genauigkeit, mit der auf eine Steigung die nächsten 3109 Metern hingewiesen wird. Wieder so eine Sache, die man nicht verstehen muss oder kann.

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In Chakassien lichtet sich der Wald wieder langsam und geht in eine grandiose Steppenlandschaft über. Besonders Abends, wenn ich die tiefstehende Sonne im Rücken habe, ist es ein sehr schöner Anblick.

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Dass ich nun schon recht weit im Osten bin merke ich auch daran, dass mir ungewöhnlich viele Rechtslenker-Autos entgegenkommen. Es sind Gebrauchtwagen aus Japan, die im Hafen von Wladivostok ankommen und dann auf der Straße hierhergebracht werden. Trotzdem bleibt der mit Abstand häufigste Autotyp in Russland dieser Lada. Ich staune immer wieder, welche Geländegängigkeit dieser Wagen besitzt und was man alles damit transportieren kann.

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4 Gedanken zu „Wo der Asphalt endet

  1. Angela

    Hi Heinrich!
    Das sind ja wieder grandiose Landschaften! Schon super, was du alles zu sehen bekommst. Das ist schon ein einzigartiges Erlebnis!
    Lg Angela

  2. Keke

    Hey guten Morgen Heinrich, ja, ziemlich beeindruckend…und oha, ja die Bären…pass bitte gut auf und hab nen schönen Tag, viele Grüße, Keke

  3. Andreas und Elke

    Hallo Heinrich , war wohl fast das Ende der Welt , komm gut durch und gib acht auf Mario’s großen Bruder . Liebe Grüße aus Leipzig !

  4. Ruth Weckmüller

    Ein sehr interessanter Fahrradreisebericht, der mir unterschiedliche Einblicke in eine fremde Welt mit ihren Menschen und der grandiosen Natur ermöglicht hat.

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