Umwege und ungeahnter Verschleiß

KM 4456 | Es hätte so schön sein können: Rückenwind und eine gute Asphaltstraße an der Wolga entlang. Doch die Straße die auf meiner Karte so schön als Linie eingezeichnet ist, führt über einen Seitenarm der Wolga. Eine Brücke gibt es nicht, nur eine Fähre die aber außer Betrieb ist. Somit ist an dieser Kreuzung erst einmal Schluss für mich und ich muss 175 Kilometer Umweg fahren wodurch ich ganze 2 Tage verliere.

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Die Route führt mich bis 40 Kilometer vor die kasachische Grenze. In den Dörfern leben viele Kasachen. Einer davon ist Sasha, der mit seinem LKW anhält und mich zu einer Suppe einläd, die seine Frau Katja gekocht hat. Gerne hätte ich beide fotografiert, aber Katja will partout nicht aufs Foto. Sasha ist sehr fröhlich und freut sich riesig über ein Foto, das ich Ihm schenke. Er ist so besorgt um mich, dass er mich in den zwei nachfolgenden Tagen noch auf dem Handy anruft um zu erfahren wo ich bin und ob alles in Ordnung ist.

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Ein anderen kleinen Umweg von 6 Kilometern nehme ich aber freiwillig zu Ehren von Juri Gagarin in Kauf und fahre den Ort, an dem die Raumkapsel nach seinem legendären ersten Weltraumspaziergang gelandet ist. Heute befindet sich dort ein Denkmal.

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Zurück an der Wolga finde ich einen schönen Zeltplatz. Die Wolga hat zurzeit extremes Hochwasser und man erkennt, dass erst kürzlich das Erdreich am Ufer abgerutscht sein muss.

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Der Fluss ist teilweise so breit, dass ich denke ich bin am Meer. Wie ich erfahren habe, ist der Mai hier bisher so regnerisch gewesen wie noch nie.

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Es gibt viele Kühe, manchmal grasen sie einfach so am Straßenrand oder ein Hirte führt eine größere Herde in die Steppe hinaus.

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Besonders die Kinder sind immer sehr neugierig wenn sie mich sehen und neben den Standardfragen (Wohin, woher, wie lange…) interessieren sie sich für das Fahrrad und nehmen jedes Teil unter die Lupe. Auch meine Alarmanlage wollen sie dann in Aktion hören.

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Derweil macht mir aber mein Rohloff-Ritzel Sorge, da die Zahnflanken extrem verschlissen sind und die Kette auch nicht mehr sauber läuft. Ausgerechnet das Teil, von dem ich es am wenigsten erwartet hätte macht Probleme. Deshalb habe ich auch keinen Ersatz und kein Abziehwerkzeug dabei, was ich nun bitter bereue. Normalerweise hält das Ritzel bei rechtzeitigem Kettenwechsel ein vielfaches meiner bisherigen Kilometerleistung.

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Ich schreibe an Rohloff eine Mail und bekomme Tags darauf sogar einen Telefonanruf aus Kassel. Einen solchen Verschleiss mit Gratbildung haben sie so noch nie gehabt. Es könnte sein dass die Kette mal zu wenig gespannt war und so ständig aufgelaufen ist. Jedenfalls brauche ich Ersatz und der einzige Händler Russlands ist in Moskau, 1500 km. Meine andere Chance ist Sasha, die ich von der Hochschule Ulm kenne. Sie wohnt in Krasnoyarsk (Sibirien) und hat mir nicht nur etwas russisch beigebracht sondern auch sehr bei den Vorbereitungen geholfen. Zum Glück habe ich ihr vor der Reise ein paar Ersatzteile geschickt, von denen ich dachte dass ich sie zu 99% nicht brauche und deshalb nicht mitschleppen muss. Wieder zeigt sich, dass eine Radreise fast nur mit Unterstützung von gastfreundlichen und hilfsbereiten Menschen möglich ist. Sasha, die im Moment in Deutschland ist, kümmert sich mit Ihrem Bruder Nikita darum, mir die Ersatzteile zu schicken, wofür ich sehr dankbar bin.

Als ich deswegen für längere Zeit auf meinem Handy Nachrichten verschicke und der Akku langsam zur Neige geht, darf ich in einem Telefonladen die Steckdose benutzen. Der Laden wird von Tschetschenen betrieben. Wir kommen ins Gespräch und sie laden mich zum Abendessen und zur Übernachtung ein.

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Ramza (Rechts im Bild) und seine Familie sind Muslime. Deshalb sitze ich auch nur mit den Männern zusammen. Die Frauen essen dann gemeinsam mit den Kindern nach den Männern. Es gibt das tschetschenische Nationalgericht: Lamm, dazu eine Art Nudeln und eine Bullion mit viel Knoblauch. Die Nudeln nimmt man sich direkt von einer großen gemeinsamen Platte und taucht sie in die Suppe ein. Ein köstliches Essen. Sie erzählen mir, dass sie zum Geld verdienen hier wohnen und jedes Jahr für 4 Monate nach Tschetschenien zurück gehen.

Eine sehr kuriose Begegnung habe ich tags darauf mit Igor aus Omsk. Er ist mit seinem klapprigen Fahrrad von Sibirien hierher gefahren. Doch damit nicht genug, er nimmt unterwegs an verschiedenen Marathonläufen teil. Die Tage zuvor ist er 100 km um den Salzsee „Elton“ in Kasachstan gejoggt. Zudem hat er kein besonders gutes Rad und die Reifen sind fast bis aufs Gewebe abgefahren. Ich selbst würde mich mit diesem Rad nicht in die Steppe trauen, aber Igor nimmt es gelassen und bisher hat er auch nur 3 Platten gehabt.

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3 Gedanken zu „Umwege und ungeahnter Verschleiß

  1. Andreas

    Hallo Heinrich,

    so ein abgefahrenes Ritzel hab ich auch noch nie gesehen. Warscheinlich tritts Du auch ständig wie ein Wilder in die Pedale. 😉

    Vielen Dank für die interessanten Bilder.

    Grüße
    Andreas

  2. Christian Beck

    Das ist doch meistens so, dass das kaputt geht, von dem man es am wenigsten erwartet.

    Gruß aus Köln

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