Zugfahrt durch Kasachstan

KM 6001 | Nurik begleitet uns zum Bahnhof in Atyrau. Das Onlineticket können wir mit der Buchungsnummer am Automaten ausdrucken. Die Wagen des Zugs sind noch aus Sowjetzeiten. Es gibt Abteilwagen „Kupe“ mit je vier Betten pro Abteil und eine günstigere Klasse „Platzkart“. Hier sind nochmals zwei Betten auf dem Gang untergebracht. Jeder Wagen hat einen eigenen „Provodnik“ (Schaffner). Dieser ist alles andere als begeistert, als er unsere bepackten Räder sieht. Es Bedarf einiger Verhandlungskunst von Nurik, bis er sich mit dem Schaffner einigen kann, wo und wie wir die Räder unterbringen können. Nicht zuletzt aber haben Christians bedruckte grüne Papierzettel aus den USA weitere Diskussionen vermieden. Ohne Nurik hätten wir nicht gewusst, wie wir das ganze anstellen sollten.

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Über 36 Stunden dauert die Zugfahrt nach Astana. Jeder bekommt Bettwäsche und ein Handtuch, ein Zahnputzset und ein Pappbecher mit Kaffepulver, Teebeuteln und Zucker.

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Auf dem Flur gibt es einen Kessel, aus dem man sich heißes Wasser für den Tee herauslassen kann.

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Christian verlässt den Zug am nächsten Morgen in Qandyaghasch. Er wird weiter nach Süden fahren, sein Ziel ist Neu-Dehli. Im Prinzip gibt es dazu nur zwei Routenoptionen: Entweder über Afghanistan oder aber wie Christian über den Karakorum-Highway.

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In Qandyaghasch hält der Zug 20 Minuten und man kann bei den Händlern direkt am Bahnsteig Lebensmittel und Getränke kaufen. Der Abschied von Christian ist schwer. Haben wir doch die letzte Woche Tag und Nacht gemeinsam verbracht und alles geteilt. Es war eine sehr schöne und erlebnisreiche Zeit. Danke Christian und gute Reise! Alles was mir von ihm zurückbleibt, ist dieser kleine Elefant. Es ist das Maskottchen einer Lokalbrauerei aus Berlin. Sie hat Christian ein paar Klamotten und Flaschen Schnaps für die Reise gesponsert.

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Ich bekomme einen neuen Mitfahrer ins Abteil. Er heißt Ermakhan und wir teilen unsere Essensvorräte. Ermakhan macht in einem Tupper im Wasserbad zwei Dosen Pferdefleisch für uns warm.

Nach einer weiteren Nacht im Zug komme ich in Astana an, der neuen Hauptstadt Kasachstans. Der Name ist wenig kreativ, denn „Astana“ heißt auf kasachisch „Hauptstadt“. Umbenannt wurde die Stadt 1997. Deshalb ist auch das Wahrzeichen, der Bajterek-Turm 97 Meter hoch. In der Kuppel oben ist ein Handabdruck des Präsidenten. Dort kann dann jeder seine Hand hineinlegen und ein Foto machen.

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Astana wurde zur Jahrtausendwende mitten in der Steppe aus dem Boden gestampft. Es weht ein permanenter Wind und das Klima ist extrem kontinental. Es ist die kälteste Haupstadt der Welt. Die Temperaturen reichen von -45 °C im Winter bis +40 °C im Sommer.

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Nachts werden viele Brücken und Bauwerke mit LED Lauflichtern illuminiert und eine Seitenfläche eines Hochhauses besteht quasi aus einem gigantischen LED-Monitor, auf dem Werbung läuft. Es gibt Bushaltestellen, die im Winter beheizt sind und über Free Wifi verfügen. Die Busflotte ist nagelneu und von Iveco.

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Das Theater erinnert an einen griechischen Tempel und auch die größte Moschee Kasachstans steht hier in Astana.

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Insgesamt wirkt die Stadt auf mich sehr modern und sauber. Aber natürlich sieht es nicht überall in Kasachstan so aus. Nicht alle hier freuen sich über diese glitzernden Prestigebauten. Sie verschlingen viel Geld, was an anderen Stellen vielleicht sinnvoller eingesetzt werden könnte.

Der Präsidenz residiert in diesem Prachtbau und viel Geld wandert wohl in private Taschen seiner Gefolgsleute.

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Am nächsten Tag geht es mit der Elektritschka, einem modernen Zug in der dritten Klasse weiter. Die Strecke Astana-Pawlodar ist elektrifiziert. Ich fahre bis Ekibastus. Von dort aus werde ich es mit dem Fahrrad vor Ablauf meiner 15 visafreien Tage wieder nach Russland schaffen. Im Zug falle ich natürlich wieder auf und unterhalte mich mit Dastan. Er ist 21 Jahre alt und kann gut englisch. Er hat noch nie mit einem Europäer gesprochen und wir machen ein Foto um es seinen Freunden zu beweisen.

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Dastan kennt aber den VfB Stuttgart und verfolgt die Fußball EM. Er ist stolz auf Kasachstan und die vielen großen Projekte, die sein Land auf die Beine stellt. Beispielsweise wird gerade eine vierspurige Straße durchs ganze Land gebaut. Es ist eine Neuauflage der Seidenstraße und wird LKW-Transporte zwischen China und Europa ermöglichen. Die Straße muss im Winter beheizt werden, da die extremen Temperaturschwankungen im Landesinneren den Asphalt in kürzester Zeit aufbrechen würden.

Dastan war in Astana, um für seinen Bruder Hochzeitskarten zu kaufen. Er erzählt mir, dass zu einer kasachischen Hochzeit 300 bis 400 Gäste kommen. Die Familie ist groß und steht immer an erster Stelle.

Da es bei der Ankunft in Ekibastus schon Nacht ist, will ich mir dort ein Zimmer nehmen. Dastan weiß, wo ein Hotel ist, begleitet mich dort hin und trägt mit mir die Packtaschen hoch. Es ist die Kultur der Kasachen, Fremden zu helfen, erzählt er. Die Gastfreundschaft kommt daher, weil ein Fremder früher in der Steppe ohne Hilfe der einheimischen Nomaden verloren gewesen wäre. Wieder einmal bin ich sehr dankbar für die Hilfe.

Die Straße nach Pawlodar ist recht holprig, allerdings wird parallel zur alten Straße eine neue aus Betonplatten gebaut. Teilweise ist sie schon fertig, aber noch nicht für den Verkehr freigegeben. Ich nutze meine Chance und habe über 70 Kilometer zwei Fahrspuren für mich alleine.

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Immer wieder amüsant ist es, wenn mir Fahrzeuge begegnen, die offensichtlich mal in Deutschland unterwegs waren und bei denen sich niemand die Mühe gemacht hat, die alten Aufkleber abzukratzen. So sehe ich Aufschriften wie „Abwasserverband Obere Aar“, „Geflügelhof Hoffmann“ und diesen Tetra-Pack Laster.

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2 Gedanken zu „Zugfahrt durch Kasachstan

  1. Hannelore Braunwarth

    Es wird immer spannender! Wir wünschen Dir weiterhin viele schöne Erlebnisse, Begegnungen und eine behütete Reise. Viele Grüße von der Alb!

  2. Andreas

    Hallo Heinrich!
    Habe gerade die letzten Berichte von Deiner Reise gelesen. Also das ist ja schon alles beeindruckend, was Du da alles so erlebst. Besondes intessant finde ich Deine Schwierigkeiten beim Essen besorgen und dass Lebensmittel so teuer sind und die Leute so wenig verdienen. Kann man fast nicht glauben. So ein großes Land und es ist offensichtlich niemand in der Lage genügend Kartoffel in die Erde zu stecken. Ich denke mal schon, dass das Land fruchtbar genug ist, dass da was wächst. Und irgendwie sind Deine Infos so ganz anders, als man das bei uns im Fernsehen so zu sehen bekommt. Ungefiltert, ungeschminkt, ernüchternd. Und dann wirst Du regelmäßig eingeladen – zum Essen, übernachten etc. Und wir alle hier glauben „die bösen Russen“, vor denen wir uns fürchten müssen. Da ist es schon gut, wenn man mal selber rausfährt und sich überzeugt, wie die Welt wirklich ist.

    Ich meinerseits habe ja auch schon – wenn auch ein bischen auf andere Art – einige Länder bereist und ähnliche Erfahrungen gemacht.

    In diesem Sinne freue ich mich drauf wie es weiter geht und wünsche Dir noch viele,viele Abendteuer und positive Erfahrungen und einen ganz großen Schutzengel, der auf Dich aufpasst, damit Du heil wiederkommst 🙂

    Viele Grüße aus dem sommerlich, sonnigen Ulm sendet

    Andreas

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